
Panik im Alltag?
Was meine Vergangenheit mit meinen Angstattacken zu tun hat – und wie ich heute damit umgehe. Es gibt Momente, in denen mein Körper schneller spricht als mein Kopf. Momente, in denen ein Geräusch, ein Satz, eine Erinnerung reicht – und plötzlich brennt alles. Der Puls rast, der Atem stockt, die Welt verschwimmt. Panik kommt selten höflich. Sie klopft nicht an die Tür. Sie bricht ein.
Und wenn ich ehrlich bin:
Mein Körper wusste oft, bevor ich es selbst zugeben konnte, dass etwas in mir nicht stimmt.
Was Panik für mich bedeutet – und warum sie nichts mit "Schwäche" zu tun hat
Bevor ich verstanden habe, was Panikattacken sind, dachte ich, ich werde verrückt. Heute weiß ich: Panik ist kein Zeichen von Versagen. Panik ist ein Körper, der zu laut geworden ist, weil er zu lange ignoriert wurde.
Und wenn ich zurückblicke, ergibt plötzlich alles Sinn.

Meine Geschichte: Warum Panik und Angst Teil meiner Biografie wurden
Ich bin mit ADHS und einer emotional intensiven Persönlichkeit groß geworden – aber niemand verstand das damals.
Ich war "laut". Ich war "unruhig". Ich war "anders".
Und die Welt reagierte darauf mit Härte.
Schule – Mobbing in Dauerschleife
Meine Lehrerin mochte mich nicht – das habe ich als Kind sofort gespürt.
Ich verstand den Unterricht nicht so wie andere und wurde dafür bestraft.
Nachsitzen. Strafen. Demütigungen.
Sätze wie
"Du bist nicht ganz sauber",
"Du bist behindert",
"Mit dir stimmt was nicht"
brennen sich in ein Kind ein wie Brandzeichen.
Eine Lehrerin sagte sogar vor der ganzen Klasse:
"Wir geben dich in eine Behindertenschule. Du bist hier falsch."
Ich war zwölf.
Mein Herz war dünner als Papier.
Lehrzeit – das Trauma ging weiter
Neue Umgebung. Neue Hoffnung.
Aber auch dort wiederholte sich das Muster:
Eine Ausbilderin, die meinen Lernrhythmus nicht akzeptierte.
Strafarbeiten im Keller.
Fensterputzen im Winter.
Unkraut zupfen statt Ausbildung.
Und jedes Mal dieser Satz:
"Du bist dumm. Du schaffst die Lehre nie."
Ich hatte damals schon Krebs, war körperlich geschwächt – aber habe trotzdem weitergemacht.
Ich habe diese Lehre mit der höchsten Punktzahl abgeschlossen.
Ich habe sie eines Besseren belehrt.
Aber die Narben blieben.

Heute weiß ich:
Was ich als "schwieriges Kind" erlebt habe, war Trauma.
Und Trauma verschwindet nicht einfach. Es lebt im Körper weiter.
Wie sich Trauma heute zeigt: Panik, Flashbacks, Kontrollverlust
Panikattacken sind nicht einfach "Angst".
Es sind Erinnerungen, die sich in den Körper eingebrannt haben.
Manchmal höre ich wieder die Stimmen von damals:
"Du schaffst das nicht."
"Du bist nichts wert."
"Du machst alles falsch."
Manchmal sehe ich Bilder aus der Schulzeit, als stünde ich wieder dort.
Manchmal fühle ich dieselbe Ohnmacht wie in der Lehre.
Und in diesen Momenten übernimmt nicht Camillo –
sondern die Anteile, die mich früher schützen mussten:
Wut. Angst. Rückzug. Panik.
Ich bin heute erwachsen.
Aber mein Nervensystem erinnert sich an Dinge, die mein Kopf längst vergessen hat.

Wie ich gelernt habe, nicht zu zerbrechen – meine 5-Minuten-Soforthilfe
1. Boxatmung (4–4–4–4)
Eine Minute kann alles verändern.
4 Sekunden einatmen,
4 halten,
4 ausatmen,
4 halten.
Wiederholen.
Der Puls beruhigt sich. Der Tunnel öffnet sich.
2. Kälte-Reset
Kälte ist mein Not-Aus.
Kaltes Wasser auf die Handgelenke.
Kälte-Spray auf den Nacken.
Sofortige Rückkehr ins Jetzt.
3. Etwas in der Hand – ein "Ich bin hier"-Anker
Ein kleiner Lego-Stein.
Ein Druckring.
Ein Ball.
Der Körper beruhigt sich, wenn er etwas greifen kann.
4. Ein vertrauter Duft
Ein Parfum, das ich liebe.
Ein Duftanker, der mich aus Flashbacks holt.
5. Mein Notfall-Post-it für den Job
"Panikattacke incoming."
Wenn ich nicht sprechen kann, halte ich es hoch.
Mein Team weiß dann: Ich brauche Schutz – keine Fragen.
6. 30-Sekunden-Journaling
Drei Sätze:
Was fühle ich?
Was brauche ich?
Was kann ich jetzt tun – und was nicht?
Es bringt Ordnung in den Sturm.

Wie ich im Arbeitsalltag damit umgehe
Ich arbeite bei Wien Energie – in einem Team, das mich trägt.
Ohne dieses Umfeld wäre vieles in meinem Leben anders verlaufen.
Was mir dort am meisten hilft:
- Verständnis statt Mitleid
- Klare, ruhige Kommunikation
- kurze Check-ins ("Alles okay?")
- Mini-Pausen, wenn mein Nervensystem zu laut wird
- Ein Buddy-System – jemand, der weiß, was zu tun ist
Ich muss mich nicht verstecken.
Ich darf neurodivers sein.
Ich darf ich sein.
Warum ich das teile
Weil Panikattacken kein Zeichen von Schwäche sind.
Weil Flashbacks keine Einbildung sind.
Weil Trauma leise überlebt – bis wir ihm eine Stimme geben.
Und weil vielleicht jemand da draußen heute lesen muss:
"Du bist nicht kaputt. Du bist überfordert. Und du darfst Hilfe annehmen."
Wenn du magst:
Was hilft dir, wenn dein Körper laut wird?
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Schreib es mir – du bist nicht allein

